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Casino Blackout

Credit: Hinterhof Produktionen

Band: Casino Blackout

Album: Hinterhof Poesie

VÖ: 22.04.2022

Label/Vertrieb: Hinterhof Produktionen / Rough Trade

Website: https://casinoblackout.de

Es erfordert viel Mut, zu sich selbst zu stehen. CASINO BLACKOUT haben sich dieser Herausforderung auf ihrem dritten Album „Hinterhof Poesie“ so intensiv und umfangreich wie noch nie angenommen. Konfrontiert mit undenkbar schwierigen Aufnahmebedingungen und beeinflusst von einer chaotischen Weltlage hat die Band aus eigener Kraft immer wieder Wege gefunden, um ihr drittes Großprojekt aus allen Sümpfen des Lebens herauszuzerren. Herausgekommen ist dabei eine Platte mit einer musikalischen Sprache, die man von der Gruppe so gar nicht gewohnt ist. Statt pointiertem Deutschpunk experimentieren CASINO BLACKOUT mit Pop-Punk und versetzen dessen Grundzutaten immer wieder in abenteuerliche Songwriting-Kniffe, die Abwechslung und Aussagekraft des Albums stetig auf ein neues Level heben. YUNGBLUD, KennyHoopla, die DONOTS und CASPER können hier gleichermaßen als Einflüsse dienen – und damit ist noch längst nicht alles gesagt.

Als CASINO BLACKOUT in den Vorbereitungen für ihre dritte Platte stecken, könnte die Zeit kaum undankbarer sein. Die Corona-Pandemie verhindert immer wieder Albumaufnahmen, insgesamt drei Mal muss die Band Studiotermine verschieben. Irgendwann entschließt sich Frontmann Florian Tragl, einen zugestellten Kellerraum auszuräumen und so einzurichten, dass er sich für Aufnahmen eignet. „Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass wir – bis auf das Schlagzeug – später das komplette Album dort aufnehmen würden“, erinnert sich Tragl. „Das war für mich schlussendlich die beste und wichtigste Entscheidung, weil ich endlich die Zeit hatte, quasi unbegrenzt auszuprobieren. Ich konnte mit Sounds und Vocals experimentieren und Gitarreneffekte basteln, die ich während einer teuren Studiozeit nie hätte umsetzen können.“
 

Die neu gewonnene Unabhängigkeit und der starke Wille, alle Hürden aus eigener Kraft zu bewältigen, führen CASINO BLACKOUT schließlich zu einem Album, das sich so experimentell und freimütig gibt wie noch nie. Schon auf der Vorgängerplatte „Fragment“ hatten Songs wie „Gut genug“ oder „Bestehen bleiben“ die neue Richtung in der Symbiose von gleichsam hymnischer wie melancholischer Melodik angekündigt, doch erst auf „Hinterhof Poesie“ kann die neue Schlagrichtung ihre volle Breite entfalten. Ihren Sound hebt die Band vor allem deswegen auf ein neues Level, weil sie nicht bei einem Grundrezept bleibt, sondern ihre auditive Farbpalette stets mit neuen Ideen konfrontiert. Im Titelsong baut sich so etwa ein E-Drum-Beat begleitet von breit hallenden Gitarrentönen auf und öffnet sich schließlich in eine immer größere, mitreißende Soundwand. „Für mich nicht“ entfaltet einen Pop-Punk-Hymnus, der so auch von GOOD CHARLOTTE stammen könnte. 

Und in „Wir gegen uns“, in dem MARATHONMANN-Sänger Michael Lettner als Feature-Gast zu hören ist, ergänzen CASINO BLACKOUT ihr Instrumentarium um einen Synthesizer, der seiner stringenten Klangumgebung deutlichen Nachdruck verleiht. „Uns haben viele Künstler:innen aus der neuen Pop-Punk-Welle aus Amerika inspiriert“, meint Tragl. „Dabei geht es nicht nur um das Composing, sondern vor allem um die Haltung, einfach wie wild auszuprobieren. Es gibt da einfach keine Grenze, außer diejenige im eigenen Kopf.“
 

Dass CASINO BLACKOUT diese breite musikalische Sprache brauchen, wird deutlich, wenn man sich mit den Themen von „Hinterhof Poesie“ befasst. Hatte die Band in der Vergangenheit vor allem sehr persönliche Texte geschrieben, die nah am Individuum waren, betritt ihr drittes Album bisweilen auch die ganz großen Bühnen globaler Zerwürfnisse. Der Opener „Im Dreck“ thematisiert das Geltungsbedürfnis der Menschen im Social-Media-Zeitalter und ist sich dabei dem Zwiespalt bewusst, zeitgleich selbst Teil dieses Konstrukts zu sein. „Wir gegen uns“ ist die utopische Zustandsbeschreibung eines nicht mehr zu rettenden Planeten. Ein Song, bei dem man vor allem deswegen fröstelt, weil die beschriebene Dystopie eigentlich schon sehr gegenwärtig klingt. „Normalerweise fällt es mir nicht leicht, über solche Themen im CASINO-BLACKOUT-Duktus zu schreiben“, sagt Tragl. „Es braucht für solche Songs einen sehr direkten Schreibstil ohne viele Metaebenen, die Message muss ohne Interpretationsspielraum unmissverständlich ankommen. Bei diesem Album habe ich aber gespürt, dass sich ein persönlicher – vielleicht auch therapeutischer – Schreibstil gegenüber einem weltpolitischen Thema nicht ausschließen müssen. Denn wenn mir so etwas so nahe geht, dass ich es verarbeiten muss, dann wird es ja sowieso Teil von mir.“

Es ist diese Notwendigkeit, den Schrecken der gegenwärtigen Welt herauszuschreien, die „Hinterhof Poesie“ zu einem so unnachahmlich echten und tiefsitzenden Album macht. CASINO BLACKOUT haben sich auf ihrer dritten Platte ganz neu entdeckt, weil sie sich so viel Raum wie noch nie gegeben haben, ihre Möglichkeiten auszuloten. Gefunden haben sie auf dieser Reise ihr bisher vielfältigstes und tiefschichtigstes Werk, das bei allem zeitgeistigen Schmerz immer noch einen wichtigen Gedanken hinterlässt: Bei jedem Kampf für eine bessere Welt dürfen wir nie vergessen, auch aufeinander Acht zu geben.

 

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